
Auf unserer Hybrid-Tagung am 24. Juni 2026 hat Karsten Voß (ZINDEL AG) gezeigt, wie Unternehmen von der Anforderungsklärung zu einem tragfähigen Konzept für die digitale Bereitstellung kommen. Dieser Artikel fasst die zentralen Inhalte seines Vortrags zusammen.
Ausgangslage: Anforderungen kennen heißt noch nicht wissen, was man tun soll
Wer sich mit der digitalen Bereitstellung Technischer Dokumentation beschäftigt, steht schnell vor einer Fülle von Anforderungen. Auf unserer Hybrid-Tagung hatte Roland Schmeling (Schmeling Consultants) im ersten Teil des Tages die vier Dimensionen der Anforderungsklärung aufgespannt – Produkte, Nutzungskontexte, Stakeholder und den rechtlich-normativen Rahmen. Vier Systemanbieter hatten anschließend gezeigt, wie die Umsetzung in der Praxis aussehen kann.
Doch zwischen „Ich kenne meine Anforderungen” und „Ich habe eine Lösung” liegt eine Lücke, die in vielen Unternehmen unterschätzt wird. Genau diese Lücke hat Karsten Voß in seinem Vortrag adressiert: Wie komme ich von den Anforderungen zu einem konkreten Medienkonzept? Welche Entscheidungen muss ich treffen, welche Optionen habe ich, und wo lauern Zielkonflikte, die man besser frühzeitig adressiert?
Das Ziel bestimmt den Weg, nicht umgekehrt
Am Anfang steht nicht die Technologie, sondern die Frage: Was wollen wir eigentlich erreichen? Ein Zielbild, eine Vision für die digitale Bereitstellung. Klingt abstrakt, ist aber entscheidend, denn ohne klares Ziel fehlt der Maßstab, an dem alle weiteren Entscheidungen ausgerichtet werden.
Auch die rechtlichen Anforderungen nehmen einem dabei nicht alle Entscheidungen ab. Nehmen wir den Cyber Resilience Act als Beispiel: Die inhaltlichen Anforderungen nach Anhang II sind relativ klar. Aber die Vorgaben zur Bereitstellung bleiben bewusst abstrakt, „in Papierform oder elektronischer Form beigefügt”, „klar, verständlich, deutlich und lesbar”, „mindestens zehn Jahre verfügbar”. Was das konkret für das eigene Produkt bedeutet, muss jedes Unternehmen selbst entscheiden.
Dabei ist es völlig normal, auf dem Weg auch mal falsch abzubiegen. Wichtig ist, das frühzeitig zu bemerken. Genau deshalb braucht es überprüfbare Teilziele, spezifisch, messbar, erreichbar, relevant und terminiert. Und vor allem: Einigkeit unter allen Beteiligten. In vielen Unternehmen arbeiten Technische Redaktion, IT, Service und Produktmanagement mit unterschiedlichen Vorstellungen an der Digitalisierung. Wenn nicht alle das gleiche Ziel vor Augen haben, entstehen genau die Doppelentwicklungen und Widersprüche, vor denen Roland Schmeling bereits in der Anforderungsklärung gewarnt hat.
Zielkonflikte: Die unbequemen Fragen vorher klären

In der Praxis stoßen Unternehmen früh auf Entscheidungen, bei denen sich verschiedene Ziele widersprechen. Beispiele für Zielkonflikte sind:
Einfacher Zugang versus Schutz geistigen Eigentums. Nutzer wollen ohne Hürden auf die Information zurückgreifen. Gleichzeitig enthält Technische Dokumentation oft Know-how, das nicht öffentlich zugänglich sein soll. Die Frage ist: Wie viel Zugangsbeschränkung ist nötig, und wie viel ist dem Nutzer zumutbar?
Schnelle Aktualisierbarkeit versus Rechtssicherheit. Digitale Inhalte lassen sich jederzeit aktualisieren, auch granular – ein großer Vorteil gegenüber gedruckten Anleitungen. In vielen Unternehmen sind Freigabeprozesse dokumentbasiert. Ein freigegebenes Dokument ist ein sicherer Nachweis, dass Qualitätssicherungsprozesse korrekt durchlaufen wurden. Eine kleine Korrektur oder Verbesserung würde einen komplett neuen Dokumentfreigabeprozess in Gang setzen. Damit wird ein wesentlicher Vorteil der digitalen Bereitstellung zunichte gemacht, nämlich die leichte Aktualisierbarkeit. Hier müssen neue Lösungen für Freigabe und Nachweisbarkeit gefunden werden.
Nutzungsdaten sammeln versus Datensparsamkeit. Digitale Plattformen ermöglichen es, das Nutzungsverhalten zu analysieren – welche Inhalte werden gesucht, welche nicht gefunden? Diese Daten sind wertvoll für die Verbesserung der Dokumentation. Gleichzeitig gelten die Grundsätze der Datensparsamkeit und des Datenschutzes. Eine häufige Frage aus der Praxis, die auch auf unserer Tagung gestellt wurde, ist: Muss ich als Hersteller überhaupt dokumentieren können, dass eine bestimmte Person eine Anleitung heruntergeladen oder gelesen hat?
Bereitstellungsformen: Vom Dokument zur zielgenauen Information
Digitale Bereitstellung kann vieles bedeuten – von einer einfachen PDF-Datei auf der Website bis hin zu einem KI-gestützten Chatbot, der Fragen direkt beantwortet. Der allgemeine Trend geht dabei weg vom Dokument, hin zur zielgenauen Information: Nutzer sollen nicht ein ganzes Handbuch durchsuchen müssen, sondern direkt die Antwort auf ihre Frage bekommen.
Wichtig zu verstehen: Versand per E-Mail oder das Teilen über Plattformen wie SharePoint ist keine Bereitstellung im eigentlichen Sinne. Der Empfänger muss dann selbst zusehen, wie die Information zu allen Nutzern kommt. Das ist letztlich dasselbe Problem wie bei der Papieranleitung in der Verpackung – sobald sie beim Kunden liegt, hat der Hersteller die Kontrolle verloren. Mit einer echten Content-Delivery-Lösung übernimmt der Hersteller die Bereitstellung an die Nutzer als dauerhaften Service.
In der Praxis gibt es verschiedene Stufen der digitalen Bereitstellung:
PDF-Download auf der Website ist die einfachste Form. Man stellt bereit, was man ohnehin hat. Der Nutzer findet die Datei über eine Suchfunktion oder eine Produktseite. Der Einstieg ist niedrigschwellig, aber die Möglichkeiten sind begrenzt, keine Kontextfilterung, keine zielgruppenspezifische Aufbereitung, keine Nutzungsanalyse.
Webbasierte Hilfesysteme (Webhelp) bieten gegenüber älteren Hilfeformaten einen wichtigen Vorteil: Sie sind plattformunabhängig und responsiv. Die Ansicht passt sich an jedes Endgerät an, die Inhalte können online oder offline bereitgestellt werden. Besonders im IT- und Softwarebereich sind diese Lösungen verbreitet, weil sich die Inhalte gut in bestehende Entwicklungsumgebungen und automatisierte Workflows einbinden lassen.
Content-Delivery-Portale (CDP) sind der nächste Schritt. Anders als bei einer statischen Website, die wie ein digitales Handbuch aufgebaut ist, stehen hier modulare Informationseinheiten – sogenannte Topics – im Mittelpunkt. Die Struktur ist nicht statisch durch den Content vorgegeben, sondern durch Metadaten. Topics können in verschiedenen Kontexten zusammengestellt und zielgruppenspezifisch ausgespielt werden. Ein CDP funktioniert im Prinzip wie ein Webshop für Informationen. Dabei verschwinden Dokumente aber nicht komplett: Gerade im B2B-Bereich braucht man weiterhin Dokumentationen im engeren Sinne, mit Zertifikaten, Zeugnissen, Zeichnungen, Plänen oder Ersatzteillisten. Ein gutes CDP kann beides bereitstellen.
KI-basierte Lösungen ergänzen die Bereitstellung um eine weitere Dimension. Chatbots beantworten Fragen nicht auf der Grundlage von Weltwissen, sondern auf der Basis von vorgegebenen, vertrauenswürdigen Informationen des Herstellers. KI-Agenten durchsuchen simultan verteilte Informationssysteme und verdichten Daten zu konkreten Antworten. Und mit Hilfe von KI-Technologien können auch bestehende Dokumente so erschlossen werden, dass die darin verborgenen Informationen gefunden und gezielt darauf zugegriffen werden kann. Auf unserer Tagung wurde in diesem Zusammenhang auch gefragt, ob die größte Herausforderung bei der digitalen Bereitstellung eher technologischer oder organisatorischer Natur sei. Die Antwort der Referenten war einhellig: Die Technologie ist bereit – die organisatorische Verankerung ist die eigentliche Herausforderung.
Touchpoints: Wo begegnet der Nutzer der Information?

Ein häufiger Fehler bei der Konzeption: Man denkt nur an ein zentrales Dokumentationsportal und übersieht, dass es viele Situationen gibt, in denen Nutzer mit dem Produkt oder dem Hersteller in Kontakt sind — und in denen Informationen gebraucht werden.
Ein Medienkonzept sollte daher alle relevanten Touchpoints betrachten. Die Produktseite auf der Website ist oft der erste Kontakt. Ein Supportportal bietet Raum für tiefergehende Inhalte: PDF-Downloads, responsive HTML-Anleitungen, aber auch topicbasierte Content-Delivery-Lösungen bis hin zu Chatbots. Und das Produkt selbst ist ein Touchpoint, der oft unterschätzt wird. Das muss nicht der physische Bildschirm der Maschine sein, viele Produkte werden heute über eine App oder Software gesteuert und eingerichtet. Genau dort kann die relevante Information direkt eingebettet werden.
Auf der Tagung wurde auch die Frage gestellt, wie im B2B-Bereich auf das Drucken verzichtet werden kann, wenn die Dokumentation an der Maschine verfügbar sein muss – auch bei ausgeschalteter Maschine und außerhalb der Bildschirmsicht. Die Antwort liegt in einem differenzierten Medienkonzept: Für bestimmte Nutzungssituationen kann ein QR-Code am Gerät ausreichen, für andere braucht es eine Offline-Lösung auf dem Tablet des Servicetechnikers, und für wieder andere bleibt ein gedruckter Sicherheitshinweis die richtige Wahl.
Die Informationsbedarfsmatrix als Werkzeug
Um diese Entscheidungen strukturiert zu treffen, hat Karsten Voß die Informationsbedarfsmatrix vorgestellt. Die Grundidee: Für jeden Informationsbedarf wird systematisch dokumentiert, wer die Information braucht, in welcher Situation, und über welches Medium sie am besten bereitgestellt wird.
Voraussetzung dafür ist eine sorgfältige Zielgruppenanalyse. Das Ziel ist ausdrücklich nicht, alles, was bisher gedruckt oder als PDF verschickt wurde, nun eins zu eins online bereitzustellen. Es geht darum, für jeden Anwendungsfall das Medium zu wählen, das am besten geeignet ist.
Kriterien für die Medienwahl
Was „am besten geeignet” bedeutet, lässt sich anhand von fünf Kriterien bewerten:
Verfügbarkeit ist unter vielen Gesichtspunkten das wichtigste Kriterium. Für Nutzer bedeutet es, ohne Hürden an die Informationen zu kommen. Aus rechtlicher Sicht spiegelt es sich in Vorgaben des Produktsicherheitsrechts, des Haftungsrechts und des Vertragsrechts wider. Fehlende Informationen können zu Schäden führen, auch zu Personenschäden.
Gebrauchstauglichkeit bedeutet, dass das gewählte Medium für die jeweilige Aufgabe, das Kommunikationsziel und die Wahrnehmung der Zielgruppe angemessen sein muss. Eine komplexe Wartungsanleitung auf einem 4-Zoll-Smartphone-Display ist ebenso wenig gebrauchstauglich wie ein 300-seitiges PDF, wenn der Nutzer nur eine einzige Einstellung ändern will.
Nutzerpräferenz und Erwartungskonformität werden oft unterschätzt. Wenn Servicetechniker seit Jahren mit gedruckten Anleitungen arbeiten, braucht ein Wechsel auf digitale Formate nicht nur Technologie, sondern auch Akzeptanz.
Wirtschaftliche Betrachtung umfasst auf der einen Seite die Kosten der Papierbereitstellung (Druck, Papier, Logistik, Ausschuss) und auf der anderen Seite die Investitionen in die digitale Bereitstellung (Infrastruktur, Software, einmalige Entwicklungskosten, Aufbereitung bestehender Inhalte).
Ökologische Betrachtung wird zunehmend relevant, sowohl die Ökobilanz von Papier (Energieverbrauch, Wasserverbrauch, Abfälle) als auch die der digitalen Bereitstellung (Energieverbrauch für Server und Endgeräte).
Die digitale Content-Strategie: der weitere Blick
Am Ende des Vortrags hat Karsten Voß einige Aspekte einer digitalen Content-Strategie angesprochen, die eng miteinander verzahnt sind.
- Welche Bereitstellungsformate brauche ich – PDF, HTML, topicbasiert, interaktiv?
- Welche Erstellformate liegen vor und welche brauche ich künftig?
- Ist ein Modularisierungskonzept vorhanden, das die Grundlage für topicbasierte Bereitstellung bildet?
- Welche Autorensysteme werden eingesetzt – CCMS, Docs-as-Code, oder eine Kombination?
- Wie werden Inhalte verwaltet und welche Metadaten werden benötigt?
- Welche Bereitstellungsplattform passt zu den Anforderungen?
- Und wie sehen die Review- und Freigabeprozesse aus – sind sie auf kontinuierliche digitale Aktualisierung ausgelegt oder noch auf klassische Release-Zyklen?
Die Systemauswahl und die Entscheidung für einen Implementierungspartner sind wesentliche Schritte, aber nicht die einzigen.
Fazit: Die Lösung beginnt nicht beim System

Der Weg von den Anforderungen zur digitalen Lösung ist kein technisches Projekt, es ist ein strategisches. Wer mit der Systemauswahl beginnt, ohne vorher ein klares Zielbild zu bestimmen, riskiert ein Scheitern des Projekts. Die Strategie – Prozesse, Prinzipien, Methoden – richten sich an diesem Ziel aus. Auf dem Weg in Richtung Ziel sind trotz umfangreicher rechtlicher Vorgaben viele Entscheidungen zu treffen.
Die gute Nachricht: Sie müssen diesen Weg nicht allein gehen. Genau hier setzt unsere Beratung an – von der Anforderungsklärung über die Entwicklung eines Medienkonzepts bis hin zur Systemauswahl und zur Begleitung der Umsetzung.
Sie möchten die nächsten Schritte angehen? Sprechen Sie uns gerne an.
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